Liebe Valentina, schön, dass wir dieses Interview heute machen. Wie geht’s dir?
Mir geht’s gut. Ich finde es auch richtig schön, dass wir das jetzt schaffen, denn das ist gar nicht so leicht, das hinzubekommen.
Der wievielte Versuch ist das jetzt?
Ich glaube der vierte vielleicht (lacht). Geburten lassen sich ja bekanntlich nicht so gut planen.
Richtig. So, du bist nun seit einem halben Jahr bei uns im Geburtshaus und startest jetzt richtig durch im Juli mit deinen eigenen Diensten. Worauf freust du dich dabei gerade am meisten?
Oh, das ist eine gute Frage. Ich glaub, es war total schön in den Monaten davor, mir von jeder Hebamme aus dem Team ein bisschen was abzugucken, weil ich alle begleiten und die Geburtshilfe von jeder Einzelnen kennenlernen durfte. Und jetzt freue ich mich am meisten darauf, meine eigene Geburtshilfe zu geben, das Abgeguckte einzubauen, aber auch selbst ins Tun zu kommen und die Frauen und die Familien ganz individuell zu begleiten.
Du hast dein Studium in Österreich gemacht [Ja] und bist auch dort aufgewachsen. [Ja] Was hat dich bewegt, jetzt nach Hamburg zu ziehen?
(Antwort kommt in der Sekunde) Das Geburtshaus (lacht herzlich), ganz einfache Antwort tatsächlich. Ich hab im Zuge des Studiums 2 Praktikumseinsätze hier im Geburtshaus in Hamburg gemacht. Das waren sehr eindrückliche Praktika für mich, die mir damals gezeigt haben, wieso ich eigentlich Hebamme werden wollte, denn das war genau DIE Arbeit oder viel eher die Arbeitsweise, die ich gesucht habe. Damals dachte ich: ach, was für ein Zufall, dass ich hier gelandet bin. Im Nachgang denke ich mir: Ach, vielleicht war das doch kein Zufall, dass ich genau die Stelle, und ziemlich kurzfristig, bekommen habe. Damals wurde ich schon mit den Worten verabschiedet: ‚Ach, sollte es dich doch mal nach Hamburg verschlagen, dann wird hier immer ein Platz für dich sein.‘ Tja, (lacht) damals habe ich mir das noch nicht so gedacht, dass es tatsächlich so kommen wird. Aber dann stand ich nach dem Studium da und dachte mir, OK, wohin soll es jetzt gehen? Und die Antwort war: Geburtshaus Hamburg.
Und da bist du nun! Und du hast gerade auch schon erwähnt, dass das Geburtshaus so die Arbeitsweise darstellt, wie du dir die Arbeit als Hebamme vorgestellt hast. Wie bist du denn überhaupt auf die Idee gekommen, Hebamme zu werden?
Hm, also ich bin nicht so eine Hebamme, die das schon von klein auf wusste. Ich hab eigentlich ein Studium im musischen Bereich gestartet, aber dabei hat mir die Arbeit mit Menschen gefehlt und dann hab ich überlegt, was ich machen könnte. Die Idee von Hebamme kam nicht so direkt, sondern die hat mich dann auch so ein bisschen gefunden, denke ich. Irgendwann habe ich einmal davon geträumt, dass ich Hebamme bin. Ich hab meine Cousine, die damals schwanger war, zu ihren Vorsorgeuntersuchungen begleitet. Ich hab die Geburtsberichte von meiner Tante bekommen, die 4 Kinder geboren hat – 2 davon waren Hausgeburten, was glaub ich auch mein Bild vom Hebammen-Dasein stark geprägt hat. Und dann wurde das Interesse geweckt, mich mit der Thematik zu beschäftigen. Ich hab dann auch zufällig mal ein Praktikum in einem Labor gemacht. Meine liebste Aufgabe dabei war immer das Bestimmen von dem Nabelschnurblut (lacht bei der Erinnerung). Da hab ich immer ganz viele Fragen zu gestellt und irgendwann meinten sie zu mir: ‚Ach, wenn du das wissen willst, dann musst du zu den Hebammen gehen.‘ Und so bin ich irgendwie von mehreren Seiten damit in Berührung gekommen. Dann hab ich mir gedacht: ‚OK, so Hebammen, die hören sich schon ganz cool an.‘ (lacht) Und ja, dann hab ich mich mit der Thematik Geburt, Schwangerschaft beschäftigt, denn das ist ja auch keine kleine Entscheidung, die man da trifft. Denn mit dem Beruf geht natürlich auch sehr viel Verantwortung einher und ich wollte mich dementsprechend auch ein bisschen damit konfrontieren, mich selbst auf die Probe stellen und hab das dann getan. Ich war dann mal einen Tag in der Klinik bei mir im Ort, in der ich selbst auch geboren bin und hab einen Geburtsvorbereitungskurs mitgemacht. [Ach cool] Ja, tatsächlich einen Ganzen. Nach dem ersten Kursabend kam ich strahlend nach Hause und wusste: ‚Das ist es, was ich machen möchte!‘ und dann war es für mich ganz klar – diese Euphorie wurde von meinem Freund damals sogar auf einem Polaroidfoto festgehalten.
Und du sagst, du kommst aus dem musischen Bereich. Was hast du da gemacht und machst du davon noch irgendwas beziehungsweise ist es sogar vielleicht in irgendeiner Form Teil von Hebamme sein?
Ja, also Nachgehen tue ich dem natürlich noch immer, weil Musik war schon immer, mein ganzes Leben, Teil von mir, oder ist ein großer, wichtiger Teil in meinem Leben. Dann habe ich eben begonnen zu studieren, auf der Musikuniversität mit Hauptfach Geige aber mit Pädagogik dazu, das heißt, ich wollte da schon irgendwie das Menschliche darin suchen, denke ich. Es waren auch immer die praktischen Übungen, bei denen ich dann mit den Kindern zusammengearbeitet habe, das war eigentlich immer das, was mir am meisten Spaß gemacht hat und hab dann aber auch gemerkt, dass ich Musik mehr für mich machen möchte und nicht um irgendwas damit leisten zu müssen. Deswegen ist es auch jetzt eher mein Ausgleich. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem Bruder, der mich fragte, warum mich die Musik nicht mehr so erfüllt. Da meinte ich: ‚Ich sehe den Sinn nicht. Als Hebamme mache ich einen Unterschied.‘ Aber ich glaube, wenn man mich dann mal kennenlernt, merkt man auch, dass Musik immer so ein bisschen ein Teil von mir ist, denn ich gehe auch viel summend durchs Geburtshaus. (schmunzeln beide) Also ja, vermutlich ist es in der Form in meinem Hebammenwesen mit dabei.
Was denkst du, ist deine Stärke, die dich besonders auszeichnet, die du vielleicht jetzt als neue Hebamme mit in unser Team bringst?
Ich glaube, es ist ganz viel Motivation für die Arbeit als Hebamme. Ich glaube, es ist mein Zugang und mein Gefühl für Menschen, meine empathische Art, auch die Motivation im Team zu arbeiten und das ist ja einfach ein großer Teil in der Arbeit im Geburtshaus. Ich bin auch einfach eine Teamplayerin und deswegen genieß ich da den Austausch total. Ich glaub, jede Person, die neu ins Team kommt, bringt auch was Neues mit, weil dann einfach eine neue Rolle besetzt wird. Und ich find es total schön, wie viel Zeit und Raum das auch hier bekommt und dann aber auch die Umsetzung zu erleben – von diesem sich als Team einspielen zu dann als Team zu agieren. Ja, ich glaub, das ist das, was ich grad so mit reinbringe. Ja, und ich glaub, vor allem der Respekt vor unseren Tätigkeiten und vor der Rolle, die wir bei der Begleitung einfach spielen dürfen.
Und hast du das Gefühl, du hast deine Rolle im Team schon gefunden, so deinen Platz?
Ja doch, immer mehr. Am Anfang hinterfragt man jeden Satz, den man sagt, jede Tätigkeit, jeden Vorschlag, den man macht, sage ich das jetzt oder sage ich das jetzt nicht – und man fragt sich, wer bin ich überhaupt. Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, dass ich mich sowohl auf menschlicher als auch auf fachlicher Ebene ganz gut eingegroovt habe.
Was würdest du sagen, bedeutet eine gute Geburt für dich?
Puh, ich glaube, (überlegt) eine gute Geburt ist individuell. Eine gute Geburt hat kein Schema XY, nach dem sie ablaufen muss und ich glaube, das ist auch ein wichtiger Aspekt in der Geburtshilfe im Geburtshaus, dass wir einen Rahmen schaffen, in dem die Frau so gebären kann, wie sie das kann und möchte und nicht, wie sie gebären muss. Und ich glaube, wenn man gestärkt aus der Geburtserfahrung hervorgeht, dann war das eine gute Geburt. Egal, nein, egal ist jetzt ein großes Wort, aber in dem Sinn egal, wie die Geburt dann ausgeht, wo der tatsächliche Geburtsort ist, was sich vielleicht für Stolpersteine in den Weg legen, diese einfach auch gut bewältigen zu können, mit einer Begleitung an der Seite, mit der man sich einfach auch gut fühlt, aber es im Endeffekt aus eigener Kraft zu schaffen. Ich glaub, so würde ich es beschreiben.
Stell dir vor, du dürftest eine Superkraft haben, die dir in der Geburtshilfe hilft. Was wäre deine Superkraft?
(überlegt lange) Was wäre meine Superkraft? Ich würde sagen, dass man ein bisschen voraussehen kann, wie es weitergeht, aber eigentlich finde ich das ganz gut, dass man das nicht kann. Das würden sich die Paare und Familien manchmal ganz gern von uns wünschen, zu wissen, wie lange geht das jetzt noch oder wie viel Kapazitäten muss man noch irgendwie aufbringen. Manchmal den Frauen zu zeigen, wie viel Kraft in ihnen steckt. Das würde ich gerne können, weil ich das Gefühl habe, manchmal sind die Zweifel an sich selbst als Gebärende so groß, dass man sich damit selbst im Weg steht. Und ich bin immer wieder so beeindruckt von den Frauen, was für Kräfte sie mobilisieren können und dass sie das nicht aus den Augen verlieren, sondern ihnen das einmal zu zeigen, ihnen das Gefühl auch zu geben von ihrer Stärke, dass der Kopf da ein bisschen leiser werden darf und das Körpergefühl und die Intuition lauter gedreht werden könnten.
Welche kleine Alltagssache bringt dich zuverlässig zum Lächeln?
Oh. Das ist eine schöne Frage. (überlegt)
Das darf auch ganz losgelöst vom Hebammenkontext sein, also wirklich komplett einfach Alltag.
Ich glaube ich würde sagen so ein Kontakt zwischendurch mit meinen Herzensmenschen, da sind wir wieder beim Menschenkontakt. Oder auch zum Beispiel von anderen Menschen angelächelt zu werden. Ich würde sagen Lieblingsmusik zu hören und lautstark mitzusingen, richtig leckeres Essen, das mir ein „Mhh“ entlockt, eine Runde über den Markt zu drehen, irgendwas, was mein Herz einfach so ein bisschen höherschlagen lässt oder ein gutes Buch, in dem ich mich so richtig verlieren kann, eine Laufrunde in der Natur; ganz unterschiedliche Dinge, einfach meinen Leidenschaften nachzugehen, würde ich sagen.
Und als kleine Abschlussfrage: Wanderschuhe oder Fahrrad?
(lacht) Ich würde sagen, früher waren es die Wanderschuhe, jetzt ist es das Fahrrad. Damit kommt man wesentlich schneller zur Geburt.
Eine letzte persönliche Frage, das Ende vom Interview: Was vermisst du am meisten aus der Heimat?
Natürlich so manchen Herzensmenschen, so manches Essen, die Berge und die frischen Seen.
Ist die Alster etwa kein frischer See?
Das würde ich jetzt nicht sagen, aber die habe ich jetzt erfolgreich umrundet und die ist auch ganz schön, aber mehr anzugucken, als reinzugehen.
Liebe Valentina, vielen Dank für das Gespräch!

Valentina hört sich nach einer sehr guten Hebamme und einem noch besseren Menschen an. Das Interview gefällt mir sehr. <3
Als stolzer Vater macht es mich glücklich und stolz, dich so von deinem Beruf, den Menschen und deiner Aufgabe erzählen zu hören. Ich erinnere mich an unsere Gespräche, die wir miteinander geführt haben, als du deinen Weg zur Hebamme gefunden hast. Umso schöner ist es zu sehen, dass ich dich in deiner Entscheidung bestärken durfte und du heute mit so viel Herz, Empathie und Begeisterung deinen Traum lebst. Ich bin unglaublich stolz auf dich, liebe Valentina!