Liebe Helena, du bist seit drei Jahren Teil des Geburtshauses. Wie hat dich dein Weg ins Geburtshaus geführt?

Na, einfacher ist es zu sagen, was mich nach Hamburg geführt hat. Ich bin in Ammersbek bei Hamburg geboren und aufgewachsen, bis meine Eltern mit mir – als ich 13 Jahre alt war – aus diesem wunderschönen Fleckchen Erde weggezogen sind. Schon damals habe ich mir gesagt, dass ich wieder zurück nach Hamburg kommen werde. Bis dahin habe ich viele Jahre in NRW gelebt und unter anderem meine Ausbildung in Bensberg (bei Köln) gemacht. Dort habe ich eine ganz wunderbare und prägende Zeit verbracht. Dennoch habe ich irgendwann gemerkt, dass ich mich geografisch wie auch beruflich nochmal verändern will. Ich habe also beschlossen: Ich gehe zurück nach Hamburg, weil ich in diese Stadt zurück möchte. Und ich wusste, da gibt es auch ein Geburtshaus. Also habe ich nachgefragt, ob es dort für mich einen Platz gibt. Ich wäre zwar auch ohne die Stelle im Geburtshaus wieder nach Hamburg gekommen, aber ich war auch recht penetrant und habe euch schon vor meinem Umzug immer wieder daran erinnert, mich nicht zu vergessen. Als es dann hieß „Bewirb dich“, habe ich Ende 2022 meine Bewerbungsunterlagen geschickt, und nach einer Hospitation eine Zusage für Mitte Mai bekommen. Letztendlich habe ich schon früher anfangen können, sodass ich zeitgleich mit dem Geburtshaus meinen neuen Lebensabschnitt in Hamburg beginnen konnte.

Du hast gesagt, du wolltest dich beruflich verändern. Wie hat dein Berufsleben vor dem Geburtshaus ausgesehen?

Ich habe direkt nach der Ausbildung ein halbes Jahr angestellt in meiner Ausbildungsklinik gearbeitet. Eigentlich hatte ich die Vorstellung, dort zwei Jahre zu arbeiten, Klinikerfahrung zu sammeln und dann zu „Ärzte ohne Grenzen“ zu gehen. Schon bald haben mich aber sehr tolle und fachlich gut aufgestellte Kolleginnen gefragt, ob ich Beleghebamme in ihrem Team (in Bensberg) werden möchte. Ich musste das zwar erst ein bisschen sacken lassen, da klar war, dass ich die Frauen dann in der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett begleiten würde. Aber mir war klar, dass ich gute Schwangerschaftsbegleitung insbesondere bei diesen Kolleginnen lernen kann, weil ich ihre Arbeit bereits aus der Ausbildung kannte und sehr wertgeschätzt habe. Da ich längerfristig in die Außerklinik oder mindestens in die Eins-zu-Eins-Betreuung wollte, war es also nur eine vorgezogene Entscheidung. Mir war sehr bewusst, wieviel schönere Arbeit das unter den Bedingungen ist. Auch aufgrund der Tatsache, dass es so sicher und frauenzentriert ist, was in der Wissenschaft ja auch eindrücklich belegt ist. Damals hätte ich das noch gar nicht so benennen können, auch wenn es mir sehr bewusst war. Ich habe mich also entschieden in das Beleghebammen-Team meiner Ausbildungsklinik einzusteigen. Das hatte die Vorteile, dass ich die Strukturen kannte, nicht lernen musste, mich gegen neue Ärzte durchzusetzen und keine neuen Standards verinnerlichen musste. Herausfordernd hingegen war die Dauerrufbereitschaft über vier Jahre hinweg, ebenso wie das Arbeiten unter weiterhin klinischen Bedingungen. Insbesondere in der individuellen Betreuung können vorgegebene Zeitlimits oder andere Vorgaben nicht immer passend sein.  Der individuelle Weg wird so häufig in seiner Individualität verkürzt. Da wurde mir klar: jetzt kommt was anderes.

Du hast gesagt, du wusstest immer, dass du in die Eins-zu-Eins-Betreuung möchtest. Wusstest du schon immer, dass du Hebamme werden willst?

Nein, ich wusste nicht schon immer, dass ich Hebamme werden möchte (lacht). Ganz und gar nicht. Auf die Frage „Was willst du mal werden, wenn du groß bist?“  habe ich als Kind mit „Polizistin“ geantwortet und als ich älter wurde gab es dann länger ein großes Fragezeichen. Ich habe immer viel Musik gemacht. Ich spiele Geige und Klavier, wollte auch mal Trompete lernen. Zwischendurch stand dann ein Musikstudium im Raum, da hat mir aber irgendwie die Arbeit mit und am Menschen gefehlt. Aber ich hatte viele Ideen: von Musiktherapie über Psychologie oder sogar KFZ-Mechatronikerin. Dann stand auch noch Krankenschwester im Raum, da meine Eltern beide beruflich Berührungspunkte damit haben und sie in meiner Kindheit immer Lösungen für alle körperlichen Probleme hatten. Im Nachhinein würde ich aber sagen, dass mir in dem Beruf irgendwie das selbstbestimmte Arbeiten fehlt.

Ich habe als heranwachsende also ein sehr freigeistiges, aber irgendwie auch vernünftiges Leben geführt. Ich habe mein Abitur gemacht, dann etwas gearbeitet, um schließlich zu reisen. Ich habe versucht selbstständig zu leben und herauszufinden, was ich beruflich werden will.  Als ich Anfang 20 war, hat meine Mutter irgendwann nochmal von ihren Geburten erzählt. Wir sind vier Kinder, von denen drei zu Hause geboren wurden. Sie hat so schön von ihren Geburten und besonders auch von den begleitenden Hebammen erzählt. Es war in ihrer Erzählung klar, wie frei und selbstbestimmt sie ihre Geburten erleben durfte. Ihr kommen auch heute noch die Tränen vor Glück, wenn ich aus meinem Berufsalltag erzähle. Bei meiner Patentochter in der Nachbarschaft gab es dann eines Tages eine Feier und ich habe mit einem halben Ohr das Gespräch einer Hebamme verfolgt, die gerade ein Angebot aus Neuseeland bekommen hatte, um dort zu arbeiten. Da wusste ich sofort: Ok, ich werde Hebamme und wandere aus (lacht). Da war das erste Mal ein lautes „Ja“ in meinem Kopf und auch die Rückmeldungen aus meinem Umfeld waren durchweg positiv. Ich habe also ein Praktikum in Bensberg im Kreißsaal gemacht und nach der ersten Geburt die ich dort sehen durfte, war klar: Ich werde Hebamme.

Was hat sich für dich geändert seitdem du im Geburtshaus bist?

Das kann ich ganz klar sagen. Mir ist es an der Stelle wichtig, kein Bashing der verschiedenen Geburtsorte zu machen. Ich habe auch in der Klinik total gute Geburtshilfe gesehen und gemacht. Aber meine Wahrnehmung ist die, dass in der Klinik überwiegend Geburtshilfe (betont) umgesetzt wird und ich in der Außerklinik Zeit für Geburtsbegleitung (betont) habe. Was sich für mich seitdem verändert hat ist, dass ich noch mehr Demut gegenüber dem Prozess der Geburt, des Elternwerdens und des Mutterwerdens gewonnen habe; die Frau in ihrem Prozess der Schwangerschaft, in der Geburt und in der Zeit danach zu begleiten. Meine Hebamme hat wohl damals zu meiner Mutter gesagt „Ich weiß nicht, was passieren wird, aber ich weiß, was ich dann machen muss“. Dieser Satz hat sich für mich in der Außerklinik nochmal total gefestigt. Ich bin der begleitende Faktor, immer in der Präsenz und der Bereitschaft meine Aufgabe zu erfüllen, sobald sie Aktivität erfordert. Auch die Möglichkeit dem Prozess Zeit zu geben hat sich verändert. Und für mich persönlich auch die enge und innige Teamarbeit. Das Geburtshaus als einen Teil von mir zu verstehen und in diesem Teil einer kollektiven Verantwortung zu sein. Diese Verantwortung spüre ich sehr (starke Betonung) und gleichzeitig bin ich – sind wir – durch das Geburtshaus gehalten. Es hat mich als Hebamme extrem gestärkt, in der Außerklinik zu arbeiten. Mein Hebammenbewusstsein hat sich erweitert.

Wo siehst du dich in 10 Jahren?

In 10 Jahren bin ich fast 46 Jahre alt. Es gibt zwei Gehirnhälften, die da sprechen: das Realitätshirn und das fantastische Hirn. Der realistische Anteil in mir macht erstmal eine Perspektive von 15 Jahren auf. Das fantastische sieht mich dann in einem kleinen Wohnwagen oder kleinen Häuschen mit einer eigenen kleinen Praxis: Dort mache ich ganz viel EMH (Effektive Manuelle Hilfe), also eine intensive körperliche Art des Arbeitens. Ich finde es einfach faszinierend, wie viel der Körper eines Menschen den wertfreien Händen eines anderen erzählen möchte. Im affektiven Kontakt ist der Körper eines Menschen selbstbestimmt in der Lage zu zeigen, was er zeigen – ja fast sagen – möchte. Diesen Raum zu schaffen, den Körpern der Frauen zu zeigen „jetzt darfst du erzählen“, da sehe ich mich sehr. Gleichzeitig sehe ich mich in 10 Jahren noch nicht komplett abgekapselt vom Geburtshaus. Das ist auch ein gutes Gefühl.

Ich möchte noch einmal in dein fantastisches Hirn gucken: Wenn du frei entscheiden könntest, wie die Geburtshilfe in Deutschland in der Zukunft aussieht, wie wäre sie idealerweise?

(Lacht und krempelt sich die Arme hoch) Ok! Ich sehe ganz viel Aufklärungsarbeit über das Denken, Handeln und Fühlen. Das all die Mythen die aktuell kursieren und die so einer Starrheit unterliegen, aufgehoben werden können. Ich würde gerne Bewegung in die Geburtshilfe bringen. In meiner Vision würden alle Berufsgruppen der Geburtshilfe, wie in einem Rotationssystem, Einblicke in andere Bereiche erhalten und so ihren eigenen Blick, ihre eigene Starrheit, weich werden lassen. Dass wir alle aufgehört haben, nur in unserer eigenen Blase Wahrheit zu finden. Ich hätte Lust, dass es in Zukunft vielmehr interdisziplinäre Präventionsarbeit gäbe. Dass jede Schwangere von der Krankenkasse finanziert eine Massage im Monat erhalten kann. Einer Mutter von beispielsweise vier Kindern die Zeit zu geben, einmal im Monat in ihren Körper zu finden. Einmal im Monat für 45 Minuten nichts leisten zu müssen. Meinetwegen auch die Väter, aber da bin ich noch nicht (lacht). Und insbesondere wäre es mein Traum, dass wir alle wieder in die Demut kommen und Raus aus der Arroganz, zu wissen oder zu glauben, dass irgendjemand einen allgemeingültigen, ewigen, heiligen Gral gefunden hat. Wieder die Offenheit zu besitzen, dass das, was wir heute machen in 10 Jahren ganz anders aussehen kann. Das wir mit aktuellem Wissen arbeiten. Frei nach dem Motto „Ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber das, was ich denke zu wissen, damit gehe ich gut um“. Ich hoffe es gibt dann Räume für Gesundheit, Räume für Krankheit und Räume für alles dazwischen.

Was würdest du werdenden Müttern und werdenden Eltern gerne mit auf den Weg geben, für die Reise, die auf sie zukommt?

Seid mutig! (Pause)

Ihr seid nicht alleine. (Pause)

Und geht in Kommunikation.

Hafengeburtstag oder Karneval?

Hafengeburtstag (eindrücklich überzeugt). Ich war zwar noch nie da (lacht), aber ich mag diese Hamburger Mentalität so, so gerne. Ich hatte schon sehr schönen Karneval, aber ich bleibe bei Hafengeburtstag.

Liebe Helena, vielen Dank für das Gespräch!

(Das Interview wurde am 30.03.2026 von Lotte Schröter geführt)

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